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Dariusz Muszer – Schädelfeld

»Genug für heute«, sagte der Mann. »Mehr können wir ohnehin nicht tragen. Hast du noch ein Stück Leine übrig?«

Der Junge nickte, bildete aus der Wäscheleine eine Schlinge und band den letzten Sack fest zu.

Der Mann hob den Sack hoch und warf ihn an den Grubenrand. Auf gleiche Weise beförderte er drei weitere Dehnsäcke. Er stöhnte beim Bücken und beim Werfen, obwohl er versuchte es zu unterdrücken, weil er sich vor dem Jungen und vor sich selbst schämte. Das Röcheln und die Tatsache, dass er manchmal schlecht Luft bekam, hielt er für eine unnötige Schwäche seines Körpers. Er, einst ein Twarogge von Mann, ein kräftiger Draufgänger, war nicht mehr der Jüngste, auch nicht mehr der Geschickteste und Schnellste. Das schmerzte ihn hin und wieder. Doch er glaubte, es immer noch mit jedem aufnehmen zu können, zumindest mit jedem seines Alters – selbst mit den Aufgepeppten, die es noch geschafft hatten, ihre Organe austauschen zu lassen. Erst kurz vor dem Ausbruch des Krieges war Schluss damit und der Jungbrunnen wurde trocken gelegt. Da er schon immer gegen künstliche Verjüngung und Organzucht gewesen war, hatte er damals die Entscheidung der Regierung begrüßt.

Er hieß Kalong, war gerade Mitte fünfzig geworden, grau auf dem Kopf und, wie alle seiner Rasse, auch im Gesicht. Seine glatte Stirn durchfurchte eine waagrechte tiefe Narbe, ein Überbleibsel aus früheren Tagen. Das Kukri eines Hauptmanns hatte seinen Schädel nur leicht gestreift. Wäre der Hauptmann damals nicht auf einem feuchten Grasbüschel ausgerutscht, dann hätte seine Klinge wohl Kalongs Hals durchtrennt, ohne Frage. Denn der Offizier war entschlossen gewesen, Kalong den Kopf abzuschlagen.

Einen Augenblick verschnaufte er, nahm seine Schaufel in die Hand, säuberte sie mit der Spitze seines Schuhs von der klebrigen Erde und kletterte den steilen Hang hinauf.

Der Junge folgte ihm. Er trug einen Holzspaten, an dem ein alter Ledergürtel befestigt war.

»Anderthalb Meter tief, schätze ich«, sagte der Mann, während er ins Erdloch schaute. »Nicht schlecht für einen Tag. Morgen müssen wir ein Seil mitbringen, sonst kommen wir nicht heraus. Und das wäre schade, nicht wahr?«

Er warf die Schaufel und einen Sack über die Schulter. Den zweiten Sack, der ein bisschen weniger als der andere gefüllt war, steckte er sich unter den Arm.

»Willst du hier überwintern?«, fragte er lächelnd.

Der Junge hängte eilig seinen Spaten wie ein Gewehr über die Schulter und nahm zwei zur Hälfte volle Säcke in die Hände. So viel wie Kalong konnte er noch nicht tragen, denn er war schmächtig gebaut, hatte jedoch kräftige Beine und Hände. Bei seiner Zeugung im Labor der Klinik für assistierte Reproduktion hatte man einen einwandfreien Körper geplant. Das hatten sich seine Eltern gewünscht und war auch gesetzlich vorgeschrieben. Doch den Genmischern war ein Fehler unterlaufen. Gleich nach seiner Geburt wurde festgestellt, dass die Wirbelsäule des Jungen sich nach hinten wölbte, und das bedeutete, er würde einen Buckel haben. Wie hatte so etwas passieren können? Seine Eltern waren enttäuscht und gaben ihn ohne weiteres frei. Er sollte auf der Stelle entsorgt werden, doch die Ärzte einigten sich, ihn zu Versuchszwecken am Leben zu lassen. Sein Körper hatte Glück, seine Seele hingegen Pech, wie die uralten Aschhäute sagen würden. Sie blieb gefangen in einem Käfig aus Fleisch, Knochen und Elektronik. Seit diesem Ereignis waren dreizehn Jahre vergangen.

Sie gingen. Der Mann voraus, der Junge trottete hinterher.

»Bleib nicht zu weit zurück. Du weißt, was passieren kann. Die schnappen dich und machen aus dir Marmelade.« Kalong lachte kurz auf. »Und dann schmieren sie dich aufs Brot. Bleib also immer schön bei mir.«

»Und wo, bitte, nehmen sie das Brot her?«, warf der Junge trotzig ein. »Sie haben nicht mal mehr Knochenhartkekse. Alles verputzt.«

Sie erreichten den nordöstlichen Feldrand, warfen ihre Säcke auf die andere Seite, übersprangen den Entwässerungsgraben, der um diese Jahreszeit leer und von Unkraut überwuchert war, und betraten den sandigen Weg.

Sie drehten sich um und schauten zurück auf das Feld mit unzähligen Kratern. Ein verletztes Stück Erde. Eine zerfetzte Landschaft.

»Siehst du sie, siehst du all die emsigen Schaufelbagger?«, fragte Kalong und atmete durch. »Ja, es kommen immer mehr Leute. Und sie buddeln um die Wette. Was für ein Anblick! Wir sind jetzt leider nur zu zweit, Hagid kann nicht arbeiten. Und du bist langsamer geworden. Warum bist du so langsam? Früher war das anders.«

»Ich bin oft müde«, antwortete der Junge. »Weiß nicht, warum.«

»Das bin ich auch, aber man muss versuchen, fleißig zu sein. Man muss sich bemühen und immer bei der Sache bleiben. Nun gut, verschwinden wir von hier. Ich habe so eine Vorahnung, dass heute Askaris kommen, die Steuer ist wieder fällig.«

»Dann werden wir aber längst weg sein. Ich mag die Soldaten nicht.«

»Also beweg dich.«

»Du auch, Vater.«

Der Mann schaute auf den Jungen.

»Es ist schon lange her, dass du mich so genannt hast«, sagte er.

»Schon möglich.«

Sie rückten ihre Säcke zurecht und gingen.

»Schade um unsere alte Schubkarre«, sagte der Junge. »Wenn man sie nicht beschlagnahmt hätte, könnten wir mehr Säcke transportieren.«

»Ja, du kleiner Schlauberger.« Der Mann drehte den Kopf nach hinten und lächelte den Jungen an.

»Ich mag es nicht, wenn du mich so nennst.«

»Ich weiß. Ist nur Spaß.«

»Aber trotzdem mag ich das nicht.«

»Gut, das war das letzte Mal.«

»Das sagst du immer.«

»Aber diesmal meine ich das auch. Ehrlich.«

»Ja, ja. Reißt du ein paar Birnen ab? Kara wird sich freuen. Und ich sammle die, die heruntergefallen sind. Sie schmecken lecker und haben mehr Maden, das ist schon was.«

»Gut, wenn du willst. Aber wir machen das erst hinter der Biegung. Ich will nicht, dass uns jemand sieht.«

»Sicher. Ich glaube, du magst Würmer nicht besonders.«

»Da hast du recht. Aber ich schätze sie, weil sie gut für Kinder sind. Und davon haben wir auf unseren Hof nicht weniger als zwei, ein schönes Pärchen. Als ich jünger war, mochte ich größere Sachen.«

»Wann hast du zum letzten Mal ein Tier gesehen, das größer war als ein Regenwurm? Es gibt keine richtigen Tiere mehr. Früher oder später wirst du dich auf Würmer und Insekten umstellen müssen. So ist der Lauf der Dinge, wie Hagid sagt.«

»Wozu? Ich habe nicht die Absicht, noch zu wachsen. Ich bin groß genug. Mit Pflanzen bin ich gut bedient.«

»Das ist deine Entscheidung. Ich mag Maden und alle anderen Würmer. Und Kara mag sie auch. Sie schmecken köstlich.«

Verwilderte Obstbäume, die entlang der beiden Straßenseiten verkrüppelt wucherten, trugen nur spärlich Äpfel, Birnen und Zwetschgen. Der Junge war hungrig, beim Anblick der Früchte lief ihm das Wasser im Mund zusammen, aber er wusste, dass er sie nicht essen durfte. Die nicht! Auf keinen Fall. Es wäre zu gefährlich. Er und Kalong waren für die Augen der anderen Buddler immer noch sichtbar. Sie mussten sich vom Feld entfernen, hinter den Bäumen, im Gebüsch verstecken. Weiter, weiter – sein Herz pochte laut.

Der Weg stieg leicht an und das Gehen wurde beschwerlicher. Noch fünfhundert Schritte, die der Junge genau zählte, und sie machten Rast, eine kurze Verschnaufpause, um ihre ermüdeten Glieder zu entlasten und sich zu recken. Sie stellten die Säcke ab, aber sie setzten sich nicht.

Sie sollten weiter, Kalong gab das Zeichen zum Aufbruch. Als er sich bückte und nach dem zweiten Sack griff, musste er die Zähne zusammenbeißen, um nicht vor Schmerz aufzuschreien. Sein Kreuz hatte sich wieder gemeldet. Schon zum dritten Mal heute. Liv kannte sich damit gut aus, sie sollte sich mal seinen Rücken anschauen, heute noch. Der Körper, sein verräterischer Körper, machte ihm in der letzten Zeit sehr zu schaffen. Und es wurde für Kalong immer schwieriger, damit zurecht zu kommen, dass er jeden Tag um einen ganzen Monat alterte. »Du hast den Egel«, hatte Liv zu ihm noch im Frühjahr gesagt. »Die Toten haben ihn dir gegeben. Ich kann ihn nicht entfernen, und du kannst es auch nicht. Ich schätze, du musst dich in das Unabänderliche fügen.« So lauteten ihre Worte, hart und erbarmungslos. Er wollte sich aber nicht mit seinem Schicksal aussöhnen. Dafür war es noch zu früh. Erst wenn die Zukunft von Justus und Kara gesichert war, konnte er vielleicht anfangen, an sich selbst zu denken, an den Wurm, der in ihm herumspukte und seinen Körper nach und nach, Zelle für Zelle, Tag für Tag verschlang. Wie mit einem Schild schützte er sich mit dem trügerischen Gefühl, weiterhin jung, gesund und unzerstörbar zu sein.

Vorwärts! Vornübergebeugt gingen sie eine Weile in nördlicher Richtung.

Endlich war es so weit: Sie erreichten die Biegung, wo der Weg ein wenig schmaler wurde und weiter nach Osten führte. Dort wollten sie aber nicht hin, denn da war die Barackensiedlung, in der die anderen Buddler wohnten. Sie mussten sich links halten. Sie drängten sich durchs Dickicht und betraten einen versteckten Pfad, der in vielen Windungen durch kleine Wälder, Gestrüpp, Wiesen und verlassene Bauernhöfe Richtung Nordwesten weiter verlief. Jetzt waren sie sicher. Die Buddler konnten sie nicht mehr sehen. Noch ein paar Schritte und der Junge warf seine Säcke ins Gras und lief zum nächsten Birnbaum. Er blieb stehen und begutachtete die Äste und den Boden unter dem Baum. Dann eilte er zum nächsten, zum dritten und vierten, bis er alle Bäume untersucht hatte.

»Das gibt’s doch nicht!«, schrie er.

»Was ist los?«, fragte der Mann, der sich inzwischen auf einen Stein gesetzt hatte.

Der Junge kam zurück.

»Nix da!«, sagte er.

»Wie, nix da?«

»Weit und breit keine Birnen! Jemand muss uns zuvorgekommen sein.«

»Und wer sollte das bitte sein?«

»Was weiß ich. Ein Dieb, wer sonst?«

»Diese Strecke benutzen nur wir. Keiner der Buddler würde so weit vordringen. Sie glauben, hier würden immer noch Wegelagerer oder Lunakis lauern. Sie haben viel zu viel Angst. Und Askaris? Die ekeln sich doch vor Obst. Außerdem würden sie es nicht schaffen, sich so weit von ihrer Zuckerfabrik zu entfernen. Sie sind ja angeleint.«

»Ich laufe zurück und sammle ein paar von denen, die wir vorhin gesehen haben.«

»Das tust du auf keinen Fall. Ein Stück weiter gibt es Äpfel. Die schmecken doch genauso gut. Und haben auch dicke Würmer.«

»Ich will aber Birnen. Für Kara. Die weißen Larven schmecken viel besser als die gelben.«

»Junge, was ist heute mit dir los? Willst du wirklich so eine Dummheit begehen? Du bringst uns noch alle in Gefahr.«

»Ich bin vorsichtig. Ich kann ja gut kriechen. Du hast mir gesagt, im Kriechen bin ich besser als du.«

»Jetzt sage ich es dir zum letzten Mal: Das ist zu gefährlich. Wenn dich einer sieht, bist du geliefert. Das weißt du doch.«

Der Junge blieb stehen und sah Kalong an. Dann machte er auf dem Absatz kehrt und lief den überwachsenen Pfad zurück.

»Justus!«, schrie Kalong. »Tu das nicht! Bleib hier!«

Der Junge drehte sich nicht einmal um.

Er war nicht sein Sohn. Und die Erde war nicht mehr sein Wandelstern.

© by A1 Verlag GmbH, München

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Dariusz Muszer

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O autorze:

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Dariusz Muszer, ur. 1959 w Górzycy na Ziemi Lubuskiej. Prozaik, poeta, publicysta, eseista, dramaturg i tłumacz. Autor kilkunastu książek. Pisze po polsku i niemiecku. Mieszka w Hanowerze.

www.dariusz-muszer.de

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“Pole czaszek” – nowa powieść Dariusza Muszera

Pole Czaszek to złowróżbna baśń o zniszczeniu planety Ziemi, które dokonane zostało przez jej mieszkańców, ludzi. Czytelnik musi mieć mocne nerwy, gdyż nic nie zostanie mu oszczędzone. To nie jest historia dla delikatnych dusz. Michael Zeller, Nürnberger Nachrichten

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W języku polskim w Wydawnictwie "Forma"

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Biuletyn – bezpłatna prenumerata

PAPIERY FOTOGRAFICZNE

1 Comment on Dariusz Muszer – Schädelfeld

  1. Niezwykła powieść niezwykłego autora ! Serdecznie polecam uwadze !

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